„Mein Tipp? Ein Pünktchen für beide“

Für die KAS Eupen steht am sechsten Spieltag ein Heimspiel gegen Standard Lüttich an. Helmut Graf wird ebenfalls im Kehrweg-Stadion zu Gast sein – und beiden Mannschaften die Daumen drücken. Wir unterhielten uns mit dem Stürmer, dessen Karriere damals in Eupen ihren Anfang nahm und der später auch für Standard Lüttich spielte.

1971 sind sie zur KAS Eupen gewechselt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Es war eine super Zeit. Man kannte ja auch kaum etwas anderes als Fußball. Es war freundschaftlicher als heute. Praktisch nach jedem Spiel oder Training wurde noch im Penalty das eine oder andere Glas getrunken. Ich war nie vor zehn oder elf Uhr zu Hause (lacht). Paul Brossel war es, der mich damals bei einem Spiel von Fortuna Düsseldorf in Aachen entdeckt hat. Nach dem Spiel gab es den ersten Kontakt und alles war erledigt. Einen Vertrag habe ich übrigens nie unterschrieben. Alles wurde per Handschlag geregelt.  Paul hatte übrigens damals schon einen Klub für mich…

Jetzt haben Sie uns neugierig gemacht.

Standard Lüttich. Paul hat mir damals dazu geraten, ein oder zwei Jahre lang in Eupen zu bleiben – und er hatte Recht. Damals galten noch andere Regelungen, was ausländische Spieler betraf. Auf dem Platz durften damals pro Mannschaft immer noch drei ausländische Spieler stehen. Bei Standard Lüttich gab es damals schon vier oder fünf  jugoslawische Spieler. Nach zwei Jahren in Eupen kam dann der Wechsel zu Olympic Charleroi.

Man merkt: Paul Brossel hat in Ihrer sportlichen Laufbahn eine wichtige Rolle gespielt. 

Das stimmt. Ganz egal, was anstand. Paul Brossel war immer mein erster Ansprechpartner. Mit ihm hatte ich immer ein gutes Verhältnis, ein super Typ. Noch heute muss man einfach sagen, dass es toll war, was er hier in Eupen damals geleistet hat. Vor allem wenn man bedenkt, welche Mittel ihm damals zur Verfügung standen. Er hatte immer ein gutes Auge.

Pflegen Sie noch Kontakte zu ehemaligen Mitspieler?

Natürlich. Erst vor wenigen Tagen war ich beispielsweise bei Eric Gerets zum Grillen eingeladen, um die alten Zeiten aufleben zu lassen. Michel Renquin war auch dabei. Auch zu Michel Preud’homme pflege ich noch Kontakte. Wenn wir uns sehen, werden immer einige Worte ausgetauscht.

Wie schätzen Sie die Arbeit von Michel Preud’homme ein? Ist er nach Sá Pinto der richtige Mann für Standard Lüttich?

In der vergangenen Saison hat es im gesamten Verein bereits früh Unruhe gegeben. Dennoch muss ich sagen, dass ich nicht den Eindruck hatte, dass Sá Pinto sich davon hat beeinflussen lassen. Er hat weitergearbeitet und gesehen, dass die Mannschaft um ihn herum passt. Er hat seine Sache bis zum Ende durchgezogen, was ich wunderbar fand. Er wurde Pokalsieger und Vizemeister. Was will man noch mehr? Michel Preud’homme kann nicht sagen, dass er noch eine Mannschaft aufbauen muss. Denn diese steht bereits. Nun will er vielleicht ein anderes System einbringen, was aber wiederum Zeit braucht.

Kommen wir auf Ihre Karriere zu sprechen: Über Charleroi landeten Sie bei Standard Lüttich, ehe sie für La Louviere, Tongern und Leon in Mexiko spielten. Wie blickten Sie auf Ihre Karriere zurück?

Die sechs Jahre bei Standard Lüttich waren das absolute Highlight. Vor allem das Spiel im Europapokal in Köln habe ich noch gut in Erinnerung. Glaubt man einigen Experten habe ich damals das beste Spiel meiner gesamten Karriere gemacht. Damals habe ich das 1:1 geschossen, ehe ich verletzt vom Feld musste. Auch in Mexiko habe ich eine schöne Zeit erlebt. Ich bereue jedenfalls nichts.

Wie geht es Ihnen heute?

Heute genieße ich mein Leben als Rentner (lacht). Oft begleite ich meinen Enkel zu Fußballspielen. Er spielt inzwischen für Standard Lüttich.

Sind Sie nach wie vor regelmäßig im Stadion zu Besuch?

Ich besuche die Stadien immer noch gerne. Bei Standard Lüttich habe ich beispielsweise noch zwei Dauerkarten. Auch hier in Eupen bin ich dank Joseph Radermacher regelmäßig zu Besuch. Ich komme sehr gerne ins Kehrweg-Stadion, wo immer eine angenehme Stimmung herrscht.

Also drücken Sie am sechsten Spieltag beiden Mannschaften die Daumen?

Jedes Mal, wenn ich komme, wünsche ich mir eigentlich, dass Eupen gewinnt. Auf der anderen Seite ist Standard Lüttich, für das ich weit über 200 Spiele gemacht habe, ein wenig der Verein meines Herzens.

Wie lautet Ihr Tipp?

Ich tippe auf ein Unentschieden. Ein Pünktchen für beide Mannschaften.

Sie haben die KAS Eupen damals als kleinen Verein kennengelernt. Wie blicken Sie heute auf den Klub?

Ich finde es sehr gut, was hier gemacht wird. Für den Verein wird es nun aber vielleicht Zeit, sich in der 1. Division zu stabilisieren. Vor allem, wenn man bedenkt, was der Klub in seinem Umfeld inzwischen alles auf die Beine gestellt hat bzw. noch vorhat. Eupen hat in meinen Augen eine Mannschaft, in der es mehrere Topspieler gibt.

Welcher KAS-Spieler beeindruckt Sie?

Ein Spieler, den ich sehr mag, ist Luis Garcia. Der Junge macht einfach Spaß. Wie er in seinem Alter läuft und Pässe spielt – toll. Ich sage Ihnen eins: Wenn er ein paar Jahre jünger wäre, wäre Luis Garcia der ideale Spieler für Standard Lüttich. Auch Hendrik Van Crombrugge halte ich für einen guten Torwart. Ich denke, dass er das Zeug für einen größeren Verein hat. Man darf allerdings nicht vergessen, dass der Druck beispielsweise bei Standard Lüttich ein ganz anderer ist. Ich kenne einige Spieler, die damit einfach nicht fertig geworden sind.